Wie du mit Trauer im Coaching arbeiten kannst

Trauer im Coaching begleiten

Als ich vor kurzem einen Coachingtermin mit einer Klientin hatte, die ich schon über mehrere Monate begleite, erzählte sie mir gleich zu Beginn etwas aufgelöst, dass ein Kollege völlig unerwartet an einem Herzinfarkt gestorben ist. „Er war erst 37, hat sich gesund ernährt, viel Sport getrieben, hat vor kurzem erst ein Haus gebaut und hinterlässt jetzt eine Frau mit zwei Kindern.“ waren ihre Worte, bevor ihr die Tränen in den Augen standen. Auf einmal war „Trauer” das Thema. 

Es war für mich eine völlig unerwartete Situation, auf die ich nicht vorbereitet war. Glücklicherweise hat sich meine Klientin schnell wieder gefasst und wir konnten nach einigen Minuten mit dem Coaching beginnen. Doch was, wenn es anders gekommen wäre und meine Klientin sich wesentlich emotionaler und betroffen gezeigt hätte? Wie verhält man sich in solchen Momenten „richtig“ und gibt es da überhaupt ein „Richtig“.

Mit diesen Fragen bin ich dann nach Hause gefahren. Dort angekommen, habe ich angefangen nach einer Person zu recherchieren, die mir Antworten auf meine Fragen geben kann.

Dabei bin ich auf Petra Sutor gestoßen, die seit über 20 Jahren in verschiedenen Positionen in einem internationalen Konzern als Marketing Managerin sowie seit einigen Jahren auch als systemischer Coach und Trauerbegleiterin (BVT) tätig ist. Sie gibt Fortbildungen und Supervisionen für Schulen und Kindertagesstätten und begleitet Familien und Einzelpersonen in Krisen- und Trauersituationen. Des Weiteren unterstützt sie Unternehmen durch Seminare. Sie begleitet beim Thema Trauer am Arbeitsplatz und hat zu diesem Thema das gleichnamige Buch „Trauer am Arbeitsplatz“ geschrieben. Sie hat meiner Anfrage zu einem Interview erfreulicherweise zugestimmt.

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Hier findest du Fragen und Antworten von Petra Sutor zum Thema Trauer

1.) Du hast dich auf die Trauerbegleitung spezialisiert. Wie bist du dazu gekommen?

Ich war bereits systemischer Coach und traf auf eine Coaching-Kollegin, die mich fragte, ob ich Lust hätte, eine Trauerbegleiter-Ausbildung zu machen. Dass ich mit dem Thema Tod und Sterben einen sehr vertrauten und offenen Umgang habe, war zu diesem Zeitpunkt bereits offensichtlich. Die Jahre zuvor ist der größte Teil meiner Familie verstorben, das Spektrum war dabei so breit, dass mich nichts mehr erschrecken konnte. Spätestens zwei Wochen nach Beginn dieser Trauerbegleiter-Ausbildung war klar, dass ich in diesem Thema zuhause bin. Und dann kam alles ganz schnell ins Rollen. Die ersten Klient/innen kamen, auch viele Kolleginnen und Kollegen aus dem Konzern, in dem ich sowohl als Marketing Managerin als auch als Coach und Trauerbegleiterin arbeite. Und sowohl aus meiner selbständigen Arbeit heraus als auch aus den Begleitungen und Seminaren in Unternehmen ist mein Buch „Trauer am Arbeitsplatz“ entstanden, das im Februar im Patmos Verlag erscheint. Mein Antrieb ist, die Themen Sterben, Tod und Trauer wieder ins Leben zu holen. Wir sind alle ausnahmslos damit konfrontiert und sei es nur, wenn es ans eigene Sterben geht. Und das wird uns zu 100% betreffen, auch wenn wir den Tod unser ganzes Leben verdrängen möchten. 

2.) Was sollten Coaches aus deiner Sicht über die Trauerbegleitung wissen? 

Häufig werde ich gefragt, ob man Trauerbegleitung wie Coaching angehen kann. Hier möchte ich ganz klar verneinen. Denn im Coaching kennen wir ja den Satz „die Lösung liegt im/in der Klienten/in und diese/r erarbeitet sich diese demnach mit der Unterstützung des Coaches selbst“ – in der Trauerbegleitung geht es erstmal viel um Aushalten und Mittragen. Viele Trauernde schaffen in der ersten Zeit die einfachsten Handlungen des Alltags nicht mehr. Manche kommen weder bis in den Supermarkt noch können sie sich ein Essen kochen. Hier gilt es erst einmal wieder Handlungsfähigkeit zu erhalten und zu schauen, wie das soziale Netz eingebunden werden kann. Außerdem kümmern wir uns in der Trauerbegleitung sehr darum, eine neue Verbindung zum Verstorbenen zu gestalten, ganz gleich wie dies dann aussehen kann. Hier geht es weniger um Methoden als um Begleitung. Wobei ich ganz klar sagen kann, dass ich ganz sicher eine andere Trauerbegleiterin bin, weil ich auch Coach bin.

Coaches, die mit Aufstellungen oder Biografiearbeit arbeiten, werden manchmal mit Fehlgeburten oder anderen Verstorbenen des Familiensystems konfrontiert. Ich möchte hier sehr ermuntern, diesen Verstorbenen unbedingt auch weiterhin einen Platz zu geben und sie zu benennen. Ganz gleich wie lange es schon her ist. Und wenn die Klienten hier ein großes Paket mit sich tragen, dann gerne einen ausgebildeten Trauerbegleiter hinzuziehen. Dieser kann die Trauer auch im Nachhinein begleiten. Auch für alte unterdrückte Trauerthemen ist es nie zu spät.

3.) Bei Krisen gibt es einen Krisenverlauf, der sich über mehrere Phasen erstreckt. Gibt es sowas in Bezug auf Trauer auch und wenn ja, wie sieht dieser aus?

Ja, es gibt auch in der Trauerbegleitung verschiedene Trauerphasenmodelle, die sich alle ähneln und doch immer wieder mal überarbeitet werden. Trauer ist allerdings sehr individuell und Trauernde passen häufig so gar nicht in diese Modelle oder gehen dann zwei Schritte vor und vier wieder zurück. Manche bezeichnen es wie einen Weg durch ein Labyrinth. Dies kostet unglaublich viel Kraft. Im Grunde sagen alle diese Modelle aus, dass das Leben, so wie es war, nicht mehr gelebt werden kann und es viele verschiedene und kräftezehrende Prozesse braucht, um wieder in einem neuen Leben anzukommen, das auch mit der Trauer wieder lebbar ist.

Das Trauerphasenmodell

Modell “4 Phasen der Trauer”

In meinem Buch habe ich das Trauerphasenmodell von Verena Kast gewählt, das ich hier gerne kurz vorstelle. Die erste Phase ist das „Nicht-wahrhaben-wollen“, diese kann von einigen Stunden bis zu mehreren Wochen andauern. Bei sehr plötzlichen Todesfällen braucht diese häufig eher mehr Zeit. Die scheinbare Empfindungslosigkeit, die manchmal sichtbar wird, ist keine Gefühllosigkeit sondern ein echter Gefühlsschock. Hier ist wichtig, dass das Umfeld einfach nur da ist, trägt und hält, ohne den Trauernden zu entmündigen. 

Die zweite Phase ist die der „aufbrechenden Emotionen“. Ganz häufig kommt hier die Bandbreite an Emotionen wie Trauer, Wut, Zorn, Ängste, Ohnmacht, Hilflosigkeit und Ruhelosigkeit zum Vorschein. Auch Schlafstörungen sind häufig zu beobachten. Starke Schuldgefühle können auftreten. Da in unserer Gesellschaft Trauer eher ein Tabuthema ist, kann es passieren, dass genau in dieser Phase die Trauer verdrängt wird, um schnell wieder den gesellschaftlichen Anforderungen zu entsprechen. Doch wenn Trauernde dazu ermuntert werden, diese Phase auch tatsächlich auszuleben, können sie leichter den nächsten Schritt gehen, der in die dritte Phase mündet: „Das Suchen und Sich-Trennen“. In dieser Phase suchen Trauernde häufig ihre Verstorbenen, haben das Gefühl sie irgendwo gesehen zu haben. Die erfolgte Trennung muss bewältigt werden, die Realität des Verlustes begriffen und gleichzeitig anerkannt werden. Manche Menschen gehen in einen inneren Dialog mit ihren Verstorbenen und versuchen so eine neue Beziehung zu erschaffen. 

Die letzte und vierte Phase ist die Aufgabe des neuen Selbst- und Weltbezugs. In dieser letzten Phase ist der Verlust so weit akzeptiert, dass ein neues Leben mit all seinen Optionen wieder möglich wird. Neue Pläne können geschmiedet werden und auch neue Beziehungen sind wieder denkbar. Auch jetzt noch kann es Rückfälle geben, die Stabilisierung ist nun aber viel schneller wieder möglich.

4.) Wenn wir von Trauer im unternehmerischen Kontext sprechen, welche typischen Anlässe gibt es für Trauerbegleitung noch, außer den Verlust eines/r Kollegen/in?

Trauer in Unternehmen ist vielfältig. Dies sind alle Formen von Abschieden und großen Veränderungen wie zum Beispiel Umstrukturierungen, die große Einschnitte bedeuten, Kündigungen, aber auch wenn Menschen in Rente gehen. Und dann natürlich Todesfälle, die vielschichtig sind: der Tod von Mitarbeitenden oder deren Angehörigen, Fehl- und Totgeburten, Suizide. Häufig vergessen wir die vorgezogene Trauer, wenn Mitarbeitende ihre Angehörigen pflegen und bis zum Tod begleiten. Dann sind eine gute Begleitung und individuelle Lösungen genauso wichtig, wie bei all den anderen beschriebenen Situationen.

5.) Was sind absolute „No-Gos“ bei der Trauerbegleitung?

Das größte No-Go für mich ist der Wunsch, die Trauer schnell wegmachen zu wollen. Denn Trauer braucht Zeit und wenn sie heilen soll, dann geht der Weg nur durch sie hindurch, aber nicht an ihr vorbei. Ein weiteres No-Go sind Floskeln wie „er war ja schon so alt“ oder „du hast ja zum Glück noch zwei Kinder“ und viele mehr. Wenn wir in Kontakt mit Trauernden sind, können weniger Worte mehr sein, als einfach so dahingesprochene Floskeln, die sich manchmal tief verletzend einbrennen. Lieber sagt man „Ich weiß gar nicht was ich sagen soll.“ oder bietet eine Umarmung an. 

Außerdem wünsche ich mir, dass Nicht-Trauernde akzeptieren können, dass Trauernde sich verändern. Der Horizont und die emotionale Bandbreite wird oft extrem geweitet, viele machen extreme Entwicklungsschritte schon während aber auch nach der Krise. Denn wie auch wir Coaches wissen – Entwicklung geschieht außerhalb der Komfortzone und Trauernde werden manchmal in Sekunden aus ihrer Komfortzone katapultiert. Auch Zeichen von der anderen Seite sind in der Trauer heilend und wirklich schön. Mir ist wichtig, dass dies nicht belächelt oder sogar kaputt geredet wird, denn nur weil wir etwas nicht sehen, heißt es ja nicht, dass es das nicht gibt.

6.) Bis wohin können Coaches unterstützen und ab wann brauchen trauernde Klienten eine andere Form der Unterstützung wie beispielsweise eine Therapie?

Ich denke es gilt nicht nur bei Trauerthemen, dass wir bei unseren Kernkompetenzen bleiben sollten. Ein Mensch, der sehr trauert, gehört für mich nicht ins Coaching, der gehört zu einem Trauerbegleiter, am besten auch noch zu jemandem, der/die thematisch passt. Psycholog/innen sind häufig Anlaufstellen, weil sie von der Kasse bezahlt werden, sind aber nicht immer auf Trauer spezialisiert. Und Trauer ist ja auch keine Krankheit, von daher braucht es in der Regel auch keine Therapie. Manche Einrichtungen wie Hospize bieten manchmal günstige oder kostenfreie Trauerbegleitungen bzw. Trauergruppen an, die ebenfalls hilfreich sein können. Professionell ausgebildete Trauerbegleiter/innen finden sich überregional beim Bundesverband für Trauerbegleitung e.V.

Wenn ein Mensch Anzeichen einer Depression oder ein Trauma hat, gehört dieser definitiv auch nicht ins Coaching. 

Und manchmal schließt ja das eine das andere nicht aus. Wenn jemand alte Trauerthemen hat, die im Coaching hochkommen, können diese möglicherweise auch gut in Kombination von Trauerbegleitung und Coaching stattfinden. Dann holt man sich möglicherweise einfach noch jemanden mit ins Boot.

7.) Was kann ich als Coach tun, wenn es auf einmal unerwartet zum Thema Verlust kommt? Hast du da 2-3 Tipps?

Es gibt einfach nicht den einen Tipp, die richtige Verhaltensweise, dafür ist Trauer und die Menschen dahinter zu individuell. Damit ein Coach mit einem/r trauenden Klienten/in gut umgehen kann, braucht es in erster Linie das Wissen um den eigenen Umgang mit der Trauer. Nur dann wissen wir um unsere Haltung und können frei von unseren eigenen Triggerpunkten reagieren. Und dann wünsche ich mir Coaches, die in dieser Situation den Coach kurz zur Seite stellen. Damit meine ich, einfach nur Mensch sind, mitfühlend reagieren und zuhören können, ohne Tipps oder Ratschläge zu geben. Und das kann dann auch mal das Anbieten einer Umarmung sein.

Das Buch zum Thema

Petra Sutor - Trauer am Arbeitsplatz

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